Rabbiner, die nicht lesen und schreiben können , die überhandnehmende Bildung und der rabbinische Bannfluch – eine Rückblende in die “ gute alte Zeit “…

… als ein  gütiger  Kaiser, der russische Truppen gegen seine Untertanen marschieren ließ , über ein Reich herrschte, das sich von der Adria bis an die Grenze zu Russland erstreckte. In dieser “ guten alten “ Zeit , in der, während sich die Oberschicht im Walzertakt vergnügte,  Revolten hungernder Arbeiter mit Waffengewalt niedergeschlagen wurden (1) ,  war in manchen der „im Reichsrat vertretenen Königreiche und Länder “ , wie in Galizien und Lodomerien sowie in der Bukowina , der gesellschaftliche und wirtschaftliche Fortschritt noch nicht angekommen. Einen überdurchschnittlich hohen jüdischen Bevölkerungsanteil wies das Kronland Galizien auf, wo eine beträchtliche Anzahl der ansässigen Juden dem  Chassidismus anhing. Nach zeitgenössischen Berichten war die soziale Lage dieser Menschen  meist triste. Jüdische Stiftungen und namhafte Philanthropen versuchten, oft gegen den Widerstand orthodoxer Rabbiner, eine Verbesserung der Lebensumstände zu erreichen. (2)

Aus : Die Neuzeit, 27. November 1868 (OENB/anno) :

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.. da sie eben Rabbiner sind und daher nicht Zeit hatten, lesen und schreiben zu lernen ..” – soll  bedeuten , dass die betreffenden orthodoxen Rabbiner , obwohl versiert in Hebräisch und Jiddisch,  nicht in der Lage waren, sich in Deutsch, Ungarisch oder Polnisch schriftlich auszudrücken sowie  Schriftstücke in der jeweiligen Landessprache sinnerfassend  zu lesen.

Ausschnitt aus : Die Neuzeit, 20.Dezember 1867, Seite 6 (OENB/anno) :

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Aus : Die Neuzeit, 27. Jänner 1865, Seite 3 ( OENB/anno) :

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Im 19.Jahrhundert gelangten Ideen der Aufklärung in diejenigen Gebiete der k.u.k. Monarchie, in denen eine beträchtliche Anzahl von Juden , oft in Armut und Rückständigkeit , lebten :

Aus : Die Neuzeit, 19. Oktober 1877, Seite 7 (OENB/anno ):

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In Galizien waren die  Rabbiner Salomo Juda Rapoport  (s.o.) und Menachem Mendel Lefin wichtige Vertreter der Haskala (השכלה ). Der Großteil der von den Gegnern der Aufklärung für schädlich befundenen Schriften wurde in deutscher Sprache verbreitet.  Und so wurde “ Deutsch”  zum  Synonym für den  Abfall vom Judentum. Fürchteten die “ geistigen Führer “ der galizischen Juden um Einfluss und Pfründe, weshalb sie das Erlernen und den Gebrauch der deutschen Sprache mit dem חרם  (Bann) bedrohten (” ..zugleich verbannen wir auch von beiden Welten alle, die sich der deutschen Sprache widmen.”.) ? Sahen orthodoxe  Rabbiner  die  Lektüre von Goethe und Schiller als “ Einstiegsdroge “ zu התבוללות  (Assimilation ) und säkulare Bildung als Anstoß zum Ablegen von “ Peijes”, “ Kapota “ und “ Shtreijmel “ ? Würde sich , wer Lessing oder Mendelsohn liest, den Bart abschneiden und “ daijtshe “ Kleidung tragen ? Und würden die Frauen und Töchter des “ Shtetls” , nachdem  sie mit  deutscher Bildung “infiziert” wurden –  חס וחלילה  – aufbegehren und die g-ttgewollte männliche Vorherrschaft in Frage stellen ?. Karl Emil Franzos beschreibt  in der Romanerzählung  “ Der Pojaz “ ein fiktives Dorf in Galizien etwa um 1850. Der Held der Erzählung  liest , trotz des rabbinischen Verbotes , Werke deutscher  Schriftsteller . Für diesen Fehltritt wird er vom Rabbiner des Ortes mit dem “ Bann” bestraft. Erst als diesem  gedroht wird, ihn den weltlichen Behörden anzuzeigen, lässt er sich herbei, diese Strafe abzumildern. (3) Ein rabbinischer Bann hatte für den Betreffenden schwerwiegende Folgen . Außer der Isolation in der jüdischen Gemeinschaft (4) war dem Gebannten  meist die wirtschaftliche  Existenzgrundlage entzogen. Wie aus untenstehenden Berichten zu entnehmen ist, wurde der Bann nicht immer aus lauteren Motiven angedroht oder verhängt :

Aus : Die Neuzeit, 16. August 1872 ( OENB/anno) :

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Aus : Die Neuzeit, 10. März 1876, Seite 1 ( OENB/anno ) :

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Oben : Der Vilaner Gaon belegt eine chassidische Gemeinschaft mit dem Bann( Wikimedia ).

Nachwort :

Im Europa des 21.Jahrhunderts sind Rabbiner aller Richtungen  durchwegs fortschrittlich gesinnt , weltoffen und haben  die Rechtsordnung und die Werte unserer westlich –liberalen Gesellschaft, die die vollständige Gleichberechtigung von Mann und Frau einschließen ,verinnerlicht. Undenkbar, dass ein Rabbiner , wo auch immer, mit einer Frau  in Gemeindeangelegenheiten nur durch einen Mittelsmann verkehren oder einer Frau den Handschlag verweigern könnte !  Smiley Smiley Smiley

p.k.

Fußnoten :

(1) Teuerungsrevolte

(2)  Die Baron Hirsch’sche Stiftung in Galizien und deren Ziele

(3)  Der Pojaz – eine Geschichte aus dem Osten ( Projekt Gutenberg )

(4)  Juden durften mit dem Gebannten keine persönlichen oder  geschäftlichen Beziehungen pflegen  und mussten sich von ihm mindestens vier Ellen entfernt halten .

Links :

editorial – Institut für jüdische Geschichte Österreichs

Jüdische Wohltätigkeit in Wien um 1900 (David)

“ Die Neuzeit “- eine manchmal unbequeme jüdische Wochenschrift

1865 : Encyclisches Judentum in Oberungarn

1882 : Einige Bemerkungen zu Jaffa und Jerusalem

תנועת ההשכלה היהודית

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